Kaleo Sansaa ist Musikerin und schafft Bühnen. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere. In Köln hat sie vor einem Jahr die Soultrip Poetry ins Leben gerufen. Eine Veranstaltungsreihe, von der die Kölner zwar nicht wirklich wussten, dass sie fehlte. Aber schon die erste Ausgabe hat gezeigt, wie groß das Interesse ist.

Kennengelernt habe ich Kaleo Sansaa vor fast genau einem Jahr als ich bei „Köln spricht“ über meinen Großvater Theo Hespers gesprochen habe verbunden mit der Frage, wie viel Widerstand eigentlich Demokratie braucht. Als Künstlerin mit dabei war auch Kaleo Sansaa. Mit einer Musik, wie ich sie vorher noch nicht gehört habe. Eine Frau, eine Loopstation – und ab geht’s in eine Welt aus atmosphärischen Soundcollagen und poetischer Texte – alles getragen von ihrer einzigartigen Stimme. Aber nicht nur die Musik der Künstlerin hat mich beeindruckt, sondern auch ihre Art zu diskutieren.

Jetzt endlich habe ich die Gelegenheit, Kaleo Sansaa auch mal an meinen Podcast-Tisch zu holen. Denn sie ist Mitorganisatorin des 1. Kölner Black History Month, initiiert von der Kölner Journalistin und Aktivistin Bebero Lehmann. Während Veranstaltungen zum Black History Month in Hamburg, Berlin und Frankfurt seit Jahren längst etabliert sind, zeigte sich Köln diesbezüglich in der Vergangenheit gewohnt gemütlich. Es gab zwar vereinzelt Gespräche in dem Kontext, aber keinen Veranstaltungskanon, der sich über den ganzen Monat zieht. 2019 soll ein Anfang sein für regelmäßige Veranstaltungen zum Black History Month in Köln.

Angeboten werden unter anderem ein kolonialkritischen Stadtrundgang für (B)PoC, Yoga, eine Filmvorführung – und die fünfte Ausgabe von Soultrip Poetry. Eine Veranstaltung, die Kaleo Sansaa im Dezember 2017 zum ersten mal organisiert hatte. Einfach mal so, ohne zu wissen, wie groß das Interesse tatsächlich ist. Und schon da war in der ausgesuchten Location kaum genug Platz für alle:

„Der Raum war nicht groß und es kamen so 60 oder 70 Leute. Und die haben sich reingequetscht. Das war auf jeden Fall krass.“

Kaleo Sansaa

Mit Soultrip Poetry wollte Kaleo Sansaa vor allem marginalisierten Menschen eine Bühne bieten. Das bezieht sich auch, aber nicht nur auf People of Colour (PoC). Und es stehen vor allem Frauen auf der Bühne. Aber, sagt Kaleo, nur, weil sie so viele Frauen kennt.

„Der Hintergedanke bei mir war so ein bisschen, dass mir natürlich auch so die sogenannten PoC-Bühnen in Köln so fehlen. Einfach dieses Sichtbarmachen von Kunst von marginalisierten Menschen. Das ist einfach nicht so selbstverständlich.“

Kaleo Sansaa

Dabei, findet Kaleo Sansaa, bietet sich das gerade in Köln total an, solche Bühnen zu schaffen und präsent zu sein. Den Begriff „Poetry“ fasst sie dabei sehr weit. Bei der ersten Veranstaltung war zum Beispiel auch ein Tänzer dabei, schließlich ist Bodylanguage auch eine Sprache. Oder es werden Essays gesprochen zu Musik. Poetry kann eine ganze Menge sein – eine freie Bühne auf der viele Ausdrucksformen Platz finden können.

Inzwischen sucht sie größere Locations für Soultrip Poetry. Die 5. Ausgabe am 23. Februar zum Beispiel findet im Studio 11 in Köln-Ehrenfeld statt. Aber auch die Location ist eigentlich noch nicht groß genug, um allen Platz zu bieten, die dabei sein wollen.

Strukturen schaffen, wo noch keine sind

Warum es in Köln so lange gedauert hat, den ersten Black History Month mit einer Veranstaltungsreihe zu begleiten, erklärt sich Kaleo Sansaa auch dadurch, dass viele Aktivist:innen sich eher in Richtung Berlin orientieren. Also dahin, wo es schon Strukturen und Veranstaltungen gibt. Und die PoC-Community in Köln ist nicht so richtig connected, vermutet sie.

Klar, es muss auch nicht jede:r aktivistisch unterwegs sein. Grundsätzlich findet Kaleo Sansaa, die vorher lange in Duisburg gelebt hat, dass NRW nicht so aktivistisch aufgestellt ist, wie eben Hamburg oder Berlin das schon seit Jahren sind. Aber – seit einem Jahr bewegt sich auch in Köln was.

„Ich sag immer: Die Leute sollen aufhören, nach Berlin abzuhauen und hier die Strukturen schaffen, damit Berlin überflüssig wird.“

Kaleo Sansa

Es ist natürlich nicht so, dass in Köln zu wenig Gruppen gesellschaftspolitisch aktiv sind. Im Gegenteil. Aber die Aktionen oder der Austausch finden weniger öffentlich statt. Das beobachtet Kaleo Sansaa auch im eigenen Freundeskreis. Wenn es was zu besprechen gibt, setzt man sich halt zusammen und bespricht das. Das heißt, politischer Austausch und Aktivismus finden statt. Aber häufig eben in Gruppen, die sich bereits kennen – und eben nicht öffentlich auf Bühnen oder bei Veranstaltungen, sondern eher im Privaten. Das heißt, es gibt durchaus Strukturen, die sind aber nicht so sichtbar. Im Prinzip das, was Klüngel auch ausmacht.

Im Prinzip ist das nicht so schlimm. Problematisch wird es da, findet Kaleo Sansaa, wo dann eben Menschen nach Berlin abwandern, um da Workshops zu besuchen, die eigentlich auch in Köln stattfinden könnten. Auf der anderen Seite funktioniert Mund-zu-Mund-Propaganda für Veranstaltungen in Köln ziemlich gut. Bei jeder Soultrip-Poetry Veranstaltung entdeckt Kaleo Sansaa neue Gesichter. Und oft fragt sie, wie die Menschen auf ihre Veranstaltung aufmerksam geworden sind, denn Geld für Werbung ist eigentlich nicht da. Und die meisten erfahren tatsächlich über Freunde von der Veranstaltung – oder halt über soziale Netzwerke.

Rassismuserfahrungen in Köln

Was ich mich an der Stelle gefragt habe: Wenn es in Köln weniger öffentliche und regelmäßige Veranstaltungen gibt, was bedeutet das eigentlich? Gibt es hier tatsächlich weniger Probleme als zum Beispiel in anderen Städten?

Kaleo Sansaa sieht definitiv einen Unterschied zwischen Duisburg und Köln diesbezüglich und sagt, sie könne sich hier freier bewegen. Aber diesen Satz von ihr finde ich trotzdem bemerkenswert.

„Ich habe fast alle meine Bedürfnisse erfüllt. Also ich muss mich mit der echten Welt nicht unbedingt auseinandersetzen.“

Kaleo Sansaa

In ihrem Umfeld, egal ob im Job oder an der Uni, ist sie reflektierten Menschen begegnet, die sich mit den gleichen Themen beschäftigen, die auch Kaleo Sansaa wichtig sind. Zusätzlich bewegt sie sich in der Künstlerszene. Und auch da herrscht in Köln ein gutes Klima. Das heißt nicht, dass sie auf der Straße nicht komisch angesehen wird, oder dass sie nie Situationen erlebt, in denen ihr gegenüber jemand rassistisch handelt. Aber, sagt sie, sie selbst kann sich da relativ gut abschotten.

Aber selbst, wenn wir hier in einer idealen Welt leben würden, was wir definitiv nicht tun, gäbe es noch viel zu tun. Denn es geht nicht nur um Rassismus, sondern vor allem auch um ein Bewusstsein und die Aufklärung über die Ursprünge. Über die deutsche Kolonialgeschichte wissen nur wenige wirklich gut Bescheid. Auf der anderen Seite sieht Kaleo Sansaa aber gerade Köln als guten Raum dafür, dass hier etwas passieren kann.

Meiner Vermutung, dass der Aufarbeitung des Kolonialismus in Deutschland das monströse Kapitel des Nationalsozialismus im Weg steht, widerspricht Kaleo Sansaa. Zurecht, wie ich finde – und an der Stelle merke ich, dass ich in das Kapitel wirklich noch mal tiefer einsteigen muss. Ihr Einwand ist, dass auch die Länder wenig Interesse an der Aufarbeitung des Kolonialismus zeigen, in denen die Aufarbeitung der NS-Zeit eine weit geringere Rolle spielt. Die Tendenz geht eher dahin, die Vergangenheit gar nicht so genau anzuschauen. Auch, weil damit wirtschaftliche Interessen berührt werden, zum Beispiel durch die Forderung von Reparationszahlungen.

Lücke als Chance

Diese Lücke in der Aufarbeitung sieht Kaleo Sansaa gleichzeitig als eine Chance, für die jetzige Generation. Denn wer in friedlichen Zeiten lebt, hat die Möglichkeit, genau solche Fragen zu stellen und sich um die Aufarbeitung zu bemühen. Das schwierige daran ist: Die Fragen drängen sich nicht zwingend auf. Es gibt keinen Freiheitskampf, der uns von außen aufgenötigt wird, weil wir in einem Land leben, das Freiheiten massiv beschneidet. Das heißt, wir müssen uns selber aussuchen, wie und wofür wir kämpfen wollen. Und welche Themen wir wichtig finden. Wir haben die Wahl.

„Wir sind die Generation, wenn wir ein Auge zumachen, schlafen wir. Es ist so leicht unter dieser Wohlstandsdecke zu schlafen.“

Kaleo Sansaa

Die Generationsaufgabe, sagt Kaleo Sansaa, ist uns eben nicht durch die Gewalt oder Repressalien des Staates gegen die Bevölkerung gegeben. Zumindest nicht allen von uns als gesellschaftliches Kollektiv.

Politisch aktive Großväter

Wie wenig selbstverständlich Demokratie und Freiheit sind, weiß Kaleo Sansaa nicht zuletzt aus ihrer eigenen Familiengeschichte. Denn ihr Großvater gehörte in Sambia zu den Freiheitskämpfern. Für ihre Bachelorarbeit hat sie sich mit seinen Memoiren auseinandergesetzt. Durch ihn, sagt Kaleo, hat sie Grundzüge von politischem Verständnis in die Wiege gelegt bekommen.

Eine Geschichte, die Kaleo Sansaa gerne auch in einem Projekt umsetzen möchte. Dabei geht es ihr aber nicht nur um die Freiheitskämpfer, die wirklich auf dem Feld für die Freiheit von Sambia gekämpft haben. In den Memoiren tauchen auch Geschichten über deren Frauen auf. Eher als Randbemerkung, aber die hat ein eindrückliches Bild hinterlassen.

Denn der Großvater erzählt, wie die Frauen stets fluchtbereit mit ihren Kindern geschlafen haben, die bereits mit einem Tuch auf dem Rücken oder dem Bauch – oder auch beides – festgebunden waren. Und das über Monate. Eine Belastung, die nur schwer vorstellbar ist – für die Frauen und für die Kinder. Auch diesen Frauen möchte Kaleo Sansaa in ihrer Erzählung Raum geben und Aufmerksamkeit widmen.

„Ich hab mir dieses Bild vorgestellt, wie du mit deinem Kind, was du sonst in irgendeinem Bett ablegst, an deinem Körper gefesselt schläfst. So schläfst du mit deinem Kind – über Monate, weil du ständig rennen musst.“

Kaleo Sansaa

Während die Männer als Helden gefeiert werden, finden auch hier die Frauen in der Geschichte kaum Berücksichtigung. Bis zur Umsetzung dieses Projektes wird es zwar noch ein bisschen dauern. Aber ich bin sicher, das kommt. Und dann möchte ich bitte alles darüber erfahren.

Wenn ihr noch mehr von und über Kaleo Sansaa wissen wollt, dann folgt ihr doch einfach – zum Beispiel auf instagram. Oder – noch besser – ihr besucht eine ihrer Veranstaltungen in Köln. Und für alle, für die das zu weit ist, gibt es die Möglichkeit, sich von ihrer Musik verzaubern und inspirieren zu lassen. Überall da, wo es Musik gibt.